Bibliographische Daten

Morita: Curso Primário das Linguas Nipo-Brasileiras N°1. Curitiba: Editora Guaíra, (partly in Japanese writing) [teilweise in japanischer Schrift]. Aufl., ca. 1950, 6–7.

Japanischer Nationalismus unter brasilianischen Vorzeichen. Ein Schulbuch für japanisch-stämmige Kinder in Paraná von Friedl, Sophie (2019)

Der Titel des Schulbuches „Curso Primário das Linguas Nipo-Brasileiras N°1“ (Grundschulbuch der Japanisch-Brasilianischen Sprachen Nr. 1) eines Autors oder einer Autorin namens Morita, 1 das vermutlich in den Vierziger- oder Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts erschien, ist etwas irreführend. Tatsächlich handelte es sich nicht nur um ein Sprachlehrwerk, sondern weitere Abschnitte waren sittlicher Erziehung und Staatsbürgerkunde, Rechnen, Singen und Zeichnen gewidmet. Der sprachliche Teil des Buchs diente dem Erlernen des Japanischen, nicht auch, wie man dem Titel entnehmen könnte, dem des brasilianischen Portugiesisch.

Der „Curso Primário das Linguas Nipo-Brasileiras” richtete sich an Nissei, Kinder japanisch-stämmiger Einwanderer und Einwanderinnen, die der japanischen Sprache oder zumindest der japanischen Schrift nicht mächtig waren. Im brasilianischen Süden und Südosten siedelten viele japanisch-stämmige Familien. In Paraná, dem brasilianischen Bundesstaat, in dem das Buch gedruckt wurde, leben nach São Paulo die meisten BrasilianerInnen mit japanischen Wurzeln. (Prutsch 2014, S. 10–11) Seit 1908 waren hunderttausende Japaner und Japanerinnen für die Arbeit auf brasilianischen Plantagen angeworben worden, sodass sie an manchen Orten einen bedeutenden Bevölkerungsanteil stellten (Lesser 2003, 5). Die meisten Einwanderer und Einwanderinnen aus Japan hatten nicht vor, sich dauerhaft in Brasilien niederzulassen; viele wollten Geld sparen und dann in ihr Land zurückkehren (Prutsch 2014, 11-12; Demartini, Zeila de Brito Fabri 2000, 45). Hinzu kommt, dass sie einen überdurchschnittlich hohen Alphabetisierungsgrad aufwiesen. Dementsprechend wichtig scheint ihnen, wie zahlreiche ForscherInnen betonen, die japanische Bildung ihrer Kinder gewesen zu sein (Demartini, Zeila de Brito Fabri 2000, 44; Morato, Geanne Alves de Abreu 2011; Miyao und Yamashiro 1992, 247). Die Schule wurde in japanischen Siedlungen in der Regel als erste Gemeinschaftseinrichtung erbaut. Die LehrerInnen unterrichteten dabei auf Japanisch und verwandten aus Japan importiertes Lehrmaterial (Demartini, Zeila de Brito Fabri 2000, 45, 50, 69; Morato, Geanne Alves de Abreu 2011).

In den 1930er-Jahren steigerten sich rassistische Ressentiments gegenüber Nikkei, wie die japanisch-stämmigen BrasilianerInnen genannt werden, und weiteren als minderwertig betrachteten Gruppen bis hin zu staatlich sanktionierter Diskriminierung. Die Regierung des diktatorisch herrschenden Präsidenten Gétulio Vargas bemühte sich, die japanische Einwanderung zurückzudrängen. Immigration galt zunehmend als Gefahr für die nationale Sicherheit. Mit dem Eintritt Brasiliens in den Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten gerieten japanisch-stämmige Personen zudem pauschal in den Verdacht, mit der feindlichen Achse Japan-Italien-Deutschland zu sympathisieren (Morato, Geanne Alves de Abreu 2011; Adachi 2004, 28; Miyao und Yamashiro 1992, 258). Das erschwerte die Pflege japanischer Traditionen und Sprache. So erging schon 1938 das Verbot, in ausländischen Sprachen zu unterrichten, was sich insbesondere gegen die deutschsprachige und die japanische Einwanderung richtete. Es folgten Verbote, Japanisch als Fremdsprache zu unterrichten, in der Öffentlichkeit japanisch zu sprechen und auf Japanisch zu publizieren. Zeitungen durften zunächst noch in zweisprachiger Fassung erscheinen, d.h. mit portugiesischer Übersetzung. Zahlreiche japanische Schulen mussten schließen oder, zumindest dem Anschein nach, auf Japanisch als Unterrichtsfach und vor allem als Unterrichtssprache verzichten (Mendes 2008; Demartini, Zeila de Brito Fabri 2000, 45, 68; Miyao und Yamashiro 1992, 256, 1992, 247).

Viele Nikkei identifizierten sich stark mit Japan; der Nationalismus wurde von der japanischen Regierung und durch die Ausgrenzungspolitik des brasilianischen Staates angestachelt. Sie hielten zum großen Teil die Sprache und Kultur ihres Herkunftslandes hoch und strebten eine Integration in die brasilianische Gesellschaft nicht an (Demartini, Zeila de Brito Fabri 2000, 69; Adachi 2004, 31; Demartini, Zeila de Brito Fabri 2000, 50). Der weit verbreite Wunsch nach Rückkehr nach Japan erwies sich jedoch mit der japanischen Niederlage als Illusion. Auf das Kriegsende folgte eine Phase der allmählichen Umorientierung auch im Bildungsbereich (Demartini, Zeila de Brito Fabri 2000, 69; Miyao und Yamashiro 1992, 376). Zwar traten noch bis in die frühen 1950er Jahre radikale japanisch-stämmige Nationalisten mit Kampagnen und sogar terroristischen Akten öffentlich in Erscheinung; im Allgemeinen integrierten sich die Nikkei jedoch rasch in die brasilianische Gesellschaft, stiegen in die gehobene Mittelschicht auf und bekleideten bald sogar staatstragende Ämter (Miyao und Yamashiro 1992, 376–378).

In die Jahre dieses tiefgehenden Identitätswandels und der Erschütterung der gesellschaftlichen Rolle der japanisch-stämmigen BrasilianerInnen fällt nun die Veröffentlichung des „Curso Primário das Linguas Nipo-Brasileiras“. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches ist zwar bislang nicht genau zu bestimmen. Es muss aber zwischen 1939 und 1961, in den zweiundzwanzig Jahren des Bestehens des Verlages Guaíra veröffentlicht worden sein (Martins 1997; Fuchs). Die für Japanischunterricht und japanische Staatsbürgerkunde äußerst ungünstigen Umstände der Kriegszeit lassen es eher unwahrscheinlich erscheinen, dass das Buch vor 1945 erschien – zumal auf Japan ausgerichtete patriotische Elemente des Buches den Zensurbehörden ein Dorn im Auge gewesen wären. Andererseits, ist einzuwenden, war der Verleger Oscar Joseph de Plácido e Silva im konservativ geprägten Curitiba dafür bekannt, selbst während der Vargas-Diktatur politisch ungenehme Schriften zu drucken (Martins 1997; Fuchs). Wenn es ihm möglich war, in Zeiten prononcierten Antikommunismus‘ Karl Marx zu verlegen, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass ein Buch mit dem vergleichsweise wenig verfänglichen Titel „Grundschulbuch der Japanisch-Brasilianischen Sprachen“ der Zensur der Kriegszeit entgangen sein könnte. Der nicht ganz treffende Titel könnte in der Tat absichtlich so gewählt sein, dass der politisch noch brisantere, Staatsbürgerkunde betreffende Teil des Buches aus ihm nicht hervorging. Für ein Erscheinungsdatum nach Kriegsende spricht wiederum die Tatsache, dass das Buch als Erstsprache der Lernenden Portugiesisch, und nicht Japanisch voraussetzte: Zwar richtete es sich explizit an Kinder, deren Muttersprache Japanisch war; Japanisch wurde in dem Buch aber de facto auf Basis des Portugiesischen gelehrt. Erst in der Nachkriegszeit, so Geanne Alves de Abreu Morato, wandelte sich die Konzeption von einem mutter- zu einem zweitsprachlichen Japanischunterricht, der allerdings weiterhin der Vermittlung von Vaterlandsliebe und als japanisch betrachteten Werten diente (Morato, Geanne Alves de Abreu 2011).

Die komplexen, nicht widerspruchsfreien Aushandlungsprozesse zwischen japanischer und brasilianischer Zugehörigkeit, zwischen Ansprüchen des Herkunftslandes und der Aufnahmegesellschaft zeichnen sich in diesem Buch deutlich ab. Produktionsbedingungen, Inhalt und Gestaltung oszillieren zwischen den Polen Japan und Brasilien.

Der Nachname des Autors oder der Autorin weist auf einen japanischen Migrationshintergrund hin. In Abkehr von den vor dem Krieg üblichen Produktionsumständen wurde das Buch nicht aus Japan importiert (Demartini, Zeila de Brito Fabri 2000, 48, 2000, 56). Stattdessen verlegte es ein brasilianischer Verlag, der keine offensichtlichen Bezüge zur japanischen Minderheit aufwies. Die Inhalte dagegen orientieren sich unzweideutig an Japan, seiner Gesellschaft und Kultur. Texte und Illustrationen in allen Abschnitten des Buches vermitteln landeskundliche Kenntnisse über Japan. Die Illustrationen stellen entweder Flora und Fauna oder Alltagsszenen aus Japan dar. Dabei fallen nationale Symbole Japans wie die rote Sonnenscheibe, die japanische Flagge, der Palast und die Standarte des Kaisers sowie der in verschiedenen japanischen Religionen als heilig betrachtete Berg Fuji auf. Die „Flagge der Sonne“ wird auch in einem der abgedruckten Lieder gepriesen. Außerdem finden sich viele Bezüge auf das Militär wie exerzierende Soldaten, ein Junge in Uniform, ein Kriegsschiff und ein Kriegsflugzeug, das an ein Kamikaze-Flugzeug erinnert. Weitere Abbildungen und eine mythische Geschichte propagieren Gehorsam und Heldenmut. Es zeigt sich deutlich, wie sich der japanische Nationalismus der Zeit in dem Schulbuch niederschlägt. Expliziter wird das noch, wenn einer der ersten Texte die japanische Flagge hochleben lässt.

Sprache, Schrift und Satz stellen wiederum einen Kompromiss zwischen Japan und Brasilien dar: Der Buchrücken und der vordere Buchdeckel befinden sich, wie bei japanischen Büchern üblich, rechts. Dementsprechend beginnt die Seitenzählung am rechten Ende des Buches und man blättert von rechts nach links. Das Buch ist weitgehend zweisprachig, das heißt portugiesisch und japanisch gehalten. Lateinische Buchstaben stehen neben japanischen Schriftzeichen. Japanische Textanteile werden von rechts nach links oder von oben nach unten gelesen, portugiesische von links nach rechts. Erklärungen zu Aussprache, Grammatik und Vokabular sind auf Portugiesisch verfasst; Liedtexte dagegen auf Japanisch. Die angezielte Leserschaft dürfte also aus Lernenden bestanden haben, deren Erstsprache das Portugiesische und nicht mehr das Japanische war – wahrscheinlich Kinder und Enkel eingewanderter JapanerInnen. 2 Auch diese Beobachtung deutet darauf hin, wie stark der „Curso Primário das Linguas Nipo-Brasileiras“ durch die ambivalente Einwanderungssituation geprägt war. Das Buch lehrte ein Japanisch, das in Japan im fraglichen Zeitraum nicht mehr gesprochen wurde. Der Autor oder die Autorin lebte offensichtlich schon so lange in Brasilien, dass er oder sie die sprachlichen Veränderungen, die in Japan in der Zwischenzeit vonstattengegangen waren, nicht mitvollzogen hatte.3 Sollte das Buch aus der Zeit nach 1945 stammen, so zeigt sich auch in der Schreibrichtung eine Disparität zwischen der japanischen und der nipo-brasilianischen Praxis.3 Insofern war das zusammengesetzte Adjektiv des Titels, „japanisch-brasilianisch“, unbewusst treffend gewählt: Das Buch war geprägt durch japanische und brasilianische Einflüsse und lehrte ein Japanisch, das charakteristisch für Brasilien, nicht für das zeitgenössische Japan war.

Literaturverzeichnis

  • Adachi, Nobuko (2004): Brazil: A Historical and Contemporary View of Brazilian Migration. In: Maura Isabel Toro-Morn und Marixsa Alicea (Hg.): Migration and immigration. a global view. Westport, Conn: Greenwood Press, S. 19–34.
  • Demartini, Zeila de Brito Fabri (2000): Relatos orais de famílias de imigrantes japoneses: Elementos para a história da educação brasileira. In:
  • Fuchs, Franco Caldas: Editora Guaíra disputou o mercado nacional entre os anos 1940 e 1950. In: Cândido. Jornal da Biblioteca Pública do Paraná.
  • Lesser, Jeffrey (2003): Japanese, Brazilian, Nikkei. A Short Story of Identity Building and Homemaking. In: Jeff Lesser (Hg.): Searching for home abroad. Japanese Brazilians and transnationalism. Durham, [N.C.]: Duke University Press, S. 5–19.
  • Martins, Wilson (1997): Renascenças Curitibanas. In: Gazeta do Povo, 08.09.1997
  • Mendes, Ricardo (2008): SAO PAULO NO NIHONJIN. Os primeiros anos da presença japonesa em São Paulo. In: Informativo Archivo Histórico Municipal 3 (18).
  • Miyao, Susumu; Yamashiro, José (1992): Período em Branco na Corrente imigratória e os Distúrbios na Comunidade Japonesa. In: Comissão de Elaboração da História dos 80 Anos da Imigração Japonesa no Brasil (Hg.): Uma epopéia moderna. 80 Anos da Imigração Japonesa no Brasil. Sao Paulo: Hucitec, S. 247–380.
  • Morato, Geanne Alves de Abreu (2011): 4. Situando a Língua Japonesa no Contexto da História do Ensino de Línguas no Brasil. In: HELB História do Ensino de Línguas no Brasil 5 (5), (20.01.2019).

[1] Der Vorname des Autoren oder der Autorin ist nicht eindeutig festzustellen.

[2] Die Texte sind zum Teil in einer Sprachstufe des Japanischen verfasst, die in Japan lange vor dem Zweiten Weltkrieg verbreitet war, in Japan im fraglichen Zeitraum also nicht mehr gesprochen wurde, jedoch typisch für die Nikkei in Brasilien ist.

Für ihre äußerst hilfreiche Unterstützung und insbesondere diesen Hinweis herzlichen Dank an Frau Teruko Balogh-Klaus, Präsidentin der Deutsch-Japanischen Gesellschaft e.V., Region Braunschweig – Peine – Wolfsburg.

[3] In Japan schafften nämlich die US-amerikanischen Besatzer die Schreibung von rechts nach links ab, die in diesem Buch noch praktiziert wird.

Autoren:

Zitierempfehlung: