Bibliographische Daten

Kremb, Klaus: Geschichte und Geschehen, Oberstufe, Rheinland-Pfalz. Stuttgart; Leipzig: Ernst Klett Verlag, 2009, 236–237.

Erfahrungsräume und Binnengrenzen: Deutschland, Frankreich und Polen als Nachbarn in Europa von Herfordt, Ewa (2018)

Dieses 2009 erstmalig erschienene Geschichtslehrwerk des Klett-Verlages wurde für die gymnasiale Oberstufe in Rheinland-Pfalz entwickelt und soll den gesamten Lehrplan für den Grundkurs der Stufen 11 bis 13 abdecken. 1 Der betreffende Autorentext präsentiert nacheinander die für wichtig befundenen Wendepunkte in den deutsch-französischen und deutsch-polnischen internationalen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Der Absatz befindet sich im Kapitel über „Europa: Der lange Weg zum ‚Europäischen Haus’“, in dem von den Europakonzepten bzw. deren Umsetzung nach 1945 ausgehend aktuelle kontroverse Themen den Schülern zur Diskussion gestellt werden. Dem auf einer Seite aufbereiteten Thema werden vier Quellen angehängt, neben den beiden relevanten Vertragstexten von 1963 und 1991, die die jeweiligen Nachbarschaftsbeziehungen regeln sollten, auch zwei die beiden Ereignisse karikierenden Bildsatiren (S. 237). In dem anschließenden Fragenkatalog wird auf die Funktion der Verträge als „Wendepunkte“ explizit Bezug genommen.

Als Überleitung zu den Kernbeispielen verweist der Schulbuchautor Klaus Kremb 2 auf die Problematik der ethnischen Grenzen in historisch jungen Staaten wie die der ehemaligen jugoslawischen Republik Makedonien oder auch in solchen wie das Königreich Belgien, die seit dem 19. Jahrhundert als unabhängiger Staat bestehen. Nach Kremb seien jene schwierigen Nachbarschaften grundsätzlich „Ergebnis politischer Instrumentalisierungen“ (S. 236). Die nachfolgende narrative Zeitleiste orientiert sich an den Phasen der Konfrontation und Kooperation in den Außenbeziehungen von Deutschland, Frankreich und Polen. Seine ersten Überlegungen bezieht der Autor auf Deutschland und Frankreich, deren Partnerschaft im Einleitungstext zum Gesamtkapitel bereits als Voraussetzung für Frieden und Einheit in Europa ausgelegt wird (S. 225). Die Passage selber wird mit dem Verweis auf das in Kriegszusammenhängen seit dem späten 19. Jahrhundert durch die Medien instrumentalisierte Wahrnehmungsmuster des „Erbfeindes“ (ennemi héréditaire) eingeleitet: Dieses gelte heute als überwunden durch die Arbeit der für den Europäischen Einigungsprozess im Nachkriegseuropa wichtigsten historischen Persönlichkeiten von Jean Monnet bis Alfred Grosser. Deutsche und Franzosen können, so Kremb, auf ein erfolgreich „gelebtes Miteinander“ zurückblicken, das mit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages 1961 eingeleitet wurde und inzwischen u.a. zur Etablierung des deutsch-französischen Jugendaustauschs geführt habe. Anders stellt sich die Situation am deutsch-polnischen Beispiel mit seiner „leidvollen“ Nachbarschaftsgeschichte dar. Die sensiblen Themenfelder (z.B. Auschwitz) werden im Schulbuch nur genannt, aber nicht thematisiert. Einleitend wird auf den „Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ von 1991, einem Pendant des Elysée-Vertrages, rekurriert. Der Autor verweist zwar, wie im deutsch-französischen Fall, auf das Ziel der Versöhnung, hebt aber das Trennende hervor, das es jetzt zu überwinden gelte. Die Gründung des „Deutsch-Polnischen Jugendwerks“ und der Eintritt Polens in die EU (2004) sollen, in Anlehnung an die deutsch-französischen Erfahrungen, dieses Ziel fördern. Anders als im obigen Absatz werden keine Akteure des Integrationsprozesses genannt, was die Tatsache widerspiegelt, dass es in Polen wie in den übrigen Staaten des „Ostblocks“ keine der westeuropäischen vergleichbare Integrationspolitik gegeben hat. Stattdessen wird an der Stelle Bundespräsident Johannes Rau zitiert, der vor dem polnischen Parlament 2004 den Eintritt Polens zur EU gewürdigt hat. Mit einem knappen Auszug aus seiner Rede, in dem erneut die Absicht erklärt wird, das „Trennende“ zwischen den beiden Nachbarn, so die umstrittene Oder-Neiße-Grenze, zu nivellieren, schließt der Autorentext ab. Das Buch bietet im Sinne des nach fünfjähriger Erprobung zum Schuljahr 1998/1999 in Rheinland-Pfalz zugelassenen Lehrplans an diesem Beispiel einen wichtigen Zugang zum „Handlungsfeld Europa“ an. Allerdings wird dieser Zugang zu einer Darstellung von transnationalen Erfahrungsräumen lediglich eröffnet, da er nicht konsequent weitergedacht wird. 3 In einer sehr knappen Zusammenstellung der für prominent befundenen Wendepunkte in deutsch-französischen und deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert problematisiert der Autor die politische Instrumentalisierung von Außenbeziehungen in einem „erweiterten Europa“. Die Erwähnung des deutsch-französischen couple an erster Stelle entspricht der Bedeutung dieser beiden Staaten im (West-)europäischen Integrationsprozess. Die stellenweise Verflechtung der Umbruchsphasen in den drei Ländern stellt einen Versuch dar, Europa nicht rein additiv oder prospektiv als den Universalismus gemeinsamer Werte propagierende Aufgabe der EU-Politiker („Projekt Europa“) 4 , sondern von der Beziehungsgeschichte seiner Staaten her zu begreifen. Es erstaunt daher, dass vom Weimarer Dreieck, das sich hier als Wendepunkt schon fast aufdrängt, in dem Kontext keine Rede ist. 5 Dieses Ereignis anzuführen, so wie das beispielsweise in dem anderen in Rheinland-Pfalz zugelassenen, aktuellen Lehrbuch der Reihe „Geschichte und Geschehen“ der Fall ist, hätte bedeutet, einen transnationalen, da alle drei Staaten betreffenden Erfahrungsraum Europas zu erschließen, in dem das Trennende wie das Gemeinsame seinen Platz hat und der zur kritischen Selbstreflexion darüber anregt, was denn „schwierige Nachbarschaften“ in Europa aktuell bedeuten. 6 Gegenwärtig hält das disziplinübergreifende Interesse der (nicht nur bildungsgeschichtlichen) Forschung an Europa als „Akteur“ an, in der es seine Repräsentation und Legitimierung aus der gemeinsamen Geschichte und Kultur zieht. Die (Be-)Handlung seiner institutionellen wie politischen Gestalten, seiner Selbst- und Fremdwahrnehmungen verleiht Europa als Kommunikations- und Erfahrungsraum mehr Kontur (Kaelble 2002; Budde 2006; François 2007; Joas/Jäger 2008). Die politisch relevante, im Schulbuchtext durchscheinende Frage der EU-Osterweiterung entbehrt in dem Zusammenhang nicht seiner Aktualität, denn, wie schon Kaschuba feststellte, es entstehen aus der intensiven Nutzung des „symbolischen Kapitals“ der Kultur nicht zuletzt auch neue Konfliktfelder, wie etwa kulturnationalistische Tendenzen in manchem osteuropäischen Staat (Kaschuba 2008). Dort, wo die Konstruierung solcher Elemente untersucht wird, die ein transnational verbindendes Potenzial freisetzen (sollen), erscheint es dringlich, diese Beispiele weiter zu denken. Dies hat sich in der Vielfalt von gemeinsam „geteilten Erinnerungsorten“ deutsch-französischer Geschichte bereits eindrucksvoll niedergeschlagen (vgl. François 2007 und 2008; König 2008). Im Schulbuch von Kremb bleibt in dem betreffenden Kapitel die deutsch-polnische hinter der deutsch-französischen Nachbarschaftsgeschichte zurück. Berücksichtigt man ausschließlich die Rolle der genannten Akteure im (west)europäischen Integrationsprozess, der einen Großteil dieses Lernbereichs ausmacht, erscheint dies argumentativ sinnvoll. Eine solche Darstellung ist allerdings, bleibt man bei der eingangs angesprochenen Problematik der politischen Instrumentalisierung von internationalen Beziehungen, vor allem als Aufforderung zur Überwindung der zivilisatorischen Ost-West-Grenze zu deuten: Sie wirkt in Europa bis heute neben anderen unterschiedlichen „Binnengrenzen“ mental nach, wodurch nicht zuletzt auch dieses knappe Unterkapitel inhaltlich wie rein formal strukturiert wird. Erst eine dezidiert problemorientierte Verschränkung von in Raum und Zeit zwar unterschiedlichen Erfahrungen, die aber dem „Handlungsfeld Europa“ erst gerecht werden kann, wird den Oberstufenschülern nachvollziehbar ein differenziertes europäisches Geschichtsbild vermitteln und gleichzeitig die Trennung in Ost und West als Bezugrahmen aufgeben können.7 7

Literaturverzeichnis

  • Budde, Gunilla u. a. (Hg.): Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006. Deutschland-Frankreich-Polen. Drei Wege in die europäische Geschichte (2004). Online: www.deuframat.de/de/europaeisierung/osterweiterung-der-europaeischen-union/deutschland-frankreich-polen-drei-wege-in-der-europaeischen-geschichte.html (letzter Zugriff: 12.2.17).
  • François, Etienne, Auf der Suche nach den europäischen Erinnerungsorten, in: König/Schmidt (2008), S. 85-104.
  • François, Etienne u.a. (Hg.), Die Grenze als Raum, Erfahrung und Konstruktion: Deutschland, Frankreich und Polen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2007.
  • Geyr, Maja von u.a. (Bearb.): Die Europäische Dimension in den Lehrplänen der deutschen Bundesländer: vergleichende Studie im Auftrag der Europäischen Kommission – Vertretung in Deutschland, Berlin [2007].
  • Geremek, Bronislaw: Ost und West: geteilte europäische Erinnerung, in: König (2008), S. 133-146.
  • Joas, Hans; Jäger, Friedrich (Hg.): Europa im Spiegel der Kulturwissenschaften (Denkart Europa. Schriften zur europäischen Politik, Wirtschaft und Kultur, 7), Baden-Baden 2008.
  • Kaelble, Hartmut, u.a. (Hg.): Transnationale Öffentlichkeit und Identitäten im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M., New York 2002.
  • Kaschuba, Wolfgang: Europäisierung als kulturalistisches Projekt? Ethnologische Betrachtungen, in: Joas/Jäger (2008), S. 204-225.
  • König, Helmut; Schmidt, Julia; Sicking, Manfred (Hg.): Europas Gedächtnis. Das neue Europa zwischen nationalen Erinnerungen und gemeinsamer Identität, Bielefeld 2008.
  • Lehrplan Gemeinschaftskunde, Grundfach und Leistungsfach – mit Schwerpunkt Geschichte in den Jahrgangsstufen 11 bis 13 der gymnasialen Oberstufe. Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung. Rheinland-Pfalz, 1998 (Mainzer Studienstufe).
  • Schlögel, Karl: Europa neu vermessen: Die Rückkehr des Ostens in den europäischen Horizont, in: König (2008), S. 147-167.
  • Wagner, Gerhard: Projekt Europa (Kulturwissenschaftliche Studien, 11), Berlin 2004.

[1] Der Klett Verlag ist in Rheinland-Pfalz neben Westermann, Schrödel und Cornelsen der populärste Verlag auf dem Schulbuchmarkt. Vgl. Geyr [2007], S. 126f.

[2] Klaus Kremb, geb. 1950, Dr., Oberstudiendirektor am Wilhelm-Erb-Gymnasium Winnweiler (Pfalz) und Lehrbeauftragter im Fachgebiet Politikwissenschaft der TU Kaiserslautern. Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Geographie (1972-76), Promotion an der TU Darmstadt.

[3] Lehrplan Gemeinschaftskunde, Grundfach und Leistungsfach – mit Schwerpunkt Geschichte in den Jahrgangsstufen 11 bis 13 der gymnasialen Oberstufe. Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung. Rheinland-Pfalz, 1998 (Mainzer Studienstufe). Vgl. Stoffverteilungsplan: Geschichte und Geschehen (Klett), Ausgabe 2009 für Rheinland-Pfalz (online: www.klett.de/sixcms/media.php/66/nggo_stpl_430019_rp.pdf Letzter Zugriff: 25.08.2017). In Brandenburg in den 1990er Jahren war eine solche Aufarbeitung des Themas zu einem der Kursthemen der Oberstufe gemacht und explizit als „Problem der europäischen Geschichte“ ausgewiesen. Vgl. Vorläufiger Rahmenlehrplan Geschichte. Gymnasiale Oberstufe. Sek. II. Potsdam 1992. Das Ministerium für Bildung, Sport und Jugend des Landes Brandenburg (unter Rahmenthema 4: Weltprobleme und -konflikte des 19. und 20. Jahrhunderts).

[4] Mit „Projekt Europa“ oder „erweitertem Europa“ ist die Europäische Union gemeint. Vgl. Wagner (2004).

[5] Weimarer Dreieck, Komitee zur Förderung der Deutsch-Französisch-Polnischen Zusammenarbeit. Online: www.weimarer-dreieck.eu/index.php (letzter Zugriff: 3.03.2017).

[6] Vgl. Bender, D./Epkenhans, M. u.a. (Hg.): Neuzeit: 1789-2005 (Geschichte und Geschehen 2, Schülerband), 1. Aufl. Leipzig: Klett 2005, S. 394-396, v. a. S. 397. Zwar ist bei Bender von Deutschland und Frankreich sowie von Deutschland und Polen in eigenständigen Kapiteln die Rede (kein direkter Vergleich), doch es ergeben sich sinnvolle Vergleiche, was zum einen auf die Erwähnung der trinationalen Kooperation zwischen den Staaten zurückzuführen ist und zum anderen darauf, dass die Thematik problemorientiert und ausführlich behandelt und, teilweise zumindest, explizit in den Kontext der „gesamteuropäischen Politik“ gestellt wird. Die hohe Anzahl der herangeführten Quellen ist zugleich ein Hinweis auf die Bedeutung, die dem Thema der Nachbarschaftsbeziehungen dort de facto beigemessen wird.

[7] Deutschland-Frankreich-Polen. Drei Wege in die europäische Geschichte (2004). Online: www.deuframat.de/de/europaeisierung/osterweiterung-der-europaeischen-union/deutschland-frankreich-polen-drei-wege-in-der-europaeischen-geschichte.html (letzter Zugriff: 12.2.14). Mit Binnengrenzen in Europa meinen die Interview-Teilnehmer z.B. die EU-Außengrenzen, kulturell-religiöse Grenzen z.B. die Schengengrenze, und die bereits erwähnte „zivilisatorische“ Ost-West-Grenze, auch wenn letztere seit 1989 offiziell als abgeschafft angesehen werden kann. Vgl. auch die Beiträge von Geremek und Schlögel (2008).

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