Bibliographische Daten

Neubauer, Friedrich: Deutsche Geschichte bis zum Westfälischen Frieden (Unterprima). Lehrbuch der Geschichte für höhere Lehranstalten, Teil 4. Halle (Saale): Buchhandlung des Waisenhauses Halle/Saale, 10th ed. [10. Aufl.], 1908, 91.

Die Entstehung des europäischen Ritterstandes aus den Kreuzzügen von Herfordt, Ewa (2018)

Dieses für die Unterprima der gymnasialen Oberstufe konzipierte Buch beginnt – typisch für den Lehrstoffaufbau einer staatstreuen, ‚preußisch-deutschen Schule’ – mit der deutschen Geschichte in der germanischen Vorzeit, die in der „Reichsgründung“ durch Karl den Großen kulminiert, und endet mit dem Westfälischen Frieden. An wenigen Stellen nimmt Neubauer Bezug auf die europäische und außereuropäische Geschichte. Die vorgestellte Quelle bezieht sich auf den Absatz „Die Ergebnisse der Kreuzzüge“ und ist im dritten Kapitel „Die Zeit der Hohenstaufen“, bzw. im größeren Themenkomplex „Die deutsche Kaiserzeit (919-1250)“, eingebunden. Darin werden die Kreuzzüge an mehreren Stellen kurz abgehandelt, deren Ergebnisse abschließend auf einer knappen Seite zusammengefasst. Die Entstehung der geistlichen Ritterorden – Templer, Johanniter und der Deutsche Orden – sowie die wirtschaftliche Begünstigung der italienischen Stadtrepubliken durch die Ausweitung des Fernhandels werden neben den wissenschaftlichen Einflüssen aus dem Orient als die „für die Kultur des Abendlandes“ wichtigsten Folgen der Kreuzzüge herausgestellt.

Der Zusammenschluss des Ritterstandes „zu einer das ganze christliche Europa umfassenden Genossenschaft“ wird als ein weiteres Ergebnis der Kreuzzüge präsentiert – und bildet gleichzeitig jenen Universalbezug, der zwar vom Schulbuchautor nicht vertieft wird, der aber die komplexe Parallelität zwischen Europa und Nation zu verdeutlichen vermag. Die Rede ist bei Neubauer von „christlichen Eroberungskolonien im Osten“, die nur kurzzeitig bestanden. Die „europäische Einwanderung“ in Syrien wird als Voraussetzung zur „Kultivierung“ des Landes „in europäischer Weise“ interpretiert. Der Misserfolg habe in der schlechten politischen Leitung der Kreuzfahrerstaaten sowie in der geringen Anzahl der Einwanderer gelegen, von denen nur wenige Bauern waren. Abendländische Kultur bzw. ‚Kulturmission’ Europas interessieren in diesem Zusammenhang: ‚Europa’ wird wie ein Kampfbegriff verwendet. Dem Schüler wird die Vorstellung vermittelt, jene Kulturmission sei der ‚heilige Zweck’, d.h. eine nicht in Frage zu stellende Rechtfertigung für alle äußere Expansion.

Expansiv ist in diesem Zusammenhang allerdings der deutsch-preußische Einigungsenthusiasmus, der nach der Jahrhundertwende in Konkurrenz zu Kolonialstaaten England und Frankreich ‚mobilisiert’ werden sollte. Die Konsolidierung der Nation wird als Voraussetzung dafür hochgehalten, um im christlichen Abendland, das heißt vor den anderen Großmächten Europas, als handlungsfähiger Partner ernst genommen zu werden (Pingel 1988). Es ist die äußere Expansion des Kaiserreichs, die am Vorabend des Weltkrieges historisch legitimiert werden soll. An der Verteidigung des Abendlandes durch eine Glaubensgemeinschaft, aus der eine ‚kriegerische Schicksalsgemeinschaft’, Europas Ritterstand, hervorgegangen ist, wird nicht Europa sichtbar, sondern allenfalls, wie(viel) Staat ideologisch in den Jahren vor dem I. Weltkrieg ‚gemacht’ worden ist (Bergmann 1982).

Im Fächerkanon der höheren Schulen am Ende des Kaiserreichs hatte Geschichte, so auch die Geschichte des deutschen Mittelalters, ihren festen Platz. Die Schwerpunkte des in der Oberstufe wöchentlich in drei Stunden abzuhaltenden Geschichtsunterrichts wurden von Geheimrat Matthias in seinen „Verhandlungen über Fragen des höheren Unterrichts 1900“ dargelegt und finden sich in einer kleinen Passage der Geschichtsdarstellung im Buch vorangestellt. Darin geht die deutsche Geschichte in der preußischen und die europäische in der ‚Weltgeschichte’ auf. Herrscherkult und Kriegsgeschichte machen den Einfluss der politischen Sprache des imperialistischen Deutschlands in einer Zeit, in der das Reich nach Weltgeltung strebte, evident. Im öffentlichen Diskurs des Kaiserreichs fand der Gedanke einer Einigung europäischer Staaten keinen signifikanten Niederschlag. Stattdessen kam am Ende des 19. Jahrhunderts der Großraumgedanke auf, und auch die Mitteleuropa-Idee, die im Zusammenhang der Reichsgründung aktuell wurde, wirkte fort (Burkdorf 1999). Bei Neubauer erhalten diese Ideen schwache Kontur: Es sind vor allem die politisch-moralischen Wertsetzungen der Epoche, die die ‚großen Männer’ zu Themen ‚von Welt’ werden lassen, während die kollektive Kraft der Nation sich allmählich zu einer Ankerkategorie entfaltet. Die stellenweise „Anpassung der Schule an den Imperialismus“ (Burkdorf) ist allerdings bereits 1908 evident.

Literaturverzeichnis

  • Bergmann, Klaus, Imperialistische Tendenzen in Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht ab 1890, in: Bergmann, K. u.a. (Hg.), Gesellschaft – Staat – Geschichtsunterricht. Beiträge zu einer Geschichte der Geschichtsdidaktik und des Geschichtsunterrichts von 1500 bis 1980, Düsseldorf 1982, S. 190-217.
  • Burgdorf, W., „Chimäre Europa“: antieuropäische Diskurse in Deutschland 1648-1999, Bochum 1999.
  • Kawerau, S., Denkschrift über die deutschen Geschichts- und Lesebücher vor allem seit 1923, Berlin 1927.
  • Mommsen, M.J., Die Mitteleuropaidee und die Mitteleuropapläne im Deutschen Reich, in: www.deuframat.de/europaeisierung/europa-der-regionen/die-mitteleuropaidee-und-die-mitteleuropaplaene-im-deutschen-reich.html (letzter Zugriff: 02.05.18)
  • Pingel, F., Geschichtsbücher zwischen Kaiserreich und Gegenwart, in: Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (Hg.), Geschichtsunterricht und Geschichtsdidaktik vom Kaiserreich bis zur Gegenwart, Stuttgart 1988, S. 242-262.
  • Schallenberger; H., Untersuchungen zum Geschichtsbild der Wilhelminischen Ära und der Weimarer Republik: eine vergleichende Analyse deutscher Schulgeschichtsbücher aus der Zeit 1888-1933, Ratingen b. Düsseldorf 1964.
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