Quelle

Bibliographische Daten

Haacke, Ulrich; Schneider, Benno: Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, Klasse 7. Leipzig: Quelle & Meyer Verlagsgesellschaft mbH & Co., 1941, 240–242.

"Fortschrittsglaube"


[S. 240]

V. Die Aufklärung als Grundlage des Zeitalters des Liberalismus

Fortschrittsglaube

Die Schätze des Wissens und das freie, selbstständige Denken und Handeln sollten nun aber nicht das Vorrecht einer kleinen Schicht von Gebildeten bleiben. Es erschien als Pflicht eines jeden, dazu zu helfen, seine Mitmenschen aus den Banden der Unmündigkeit

[S. 241]

und der Unwissenheit zu befreien. Volksschulen wurden gegründet, und der Geist der Freude und Natürlichkeit zog in sie ein. Es wurden zahllose belehrende Wochen- und Monatsschriften in volkstümlicher Form gedruckt. Die Ergebnisse der Wissenschaft und der Philosophie wurden in einfachen, oft aber auch verflachten Darstellungen dem Volke zugänglich gemacht. Das gesamte Wissen der Zeit wurde in der berühmten französischen Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert zusammengefaßt, einem Werke von 35 Bänden, das in alle Kultursprachen übersetzt wurde. Wenn auf diese Weise die „Aufklärung“ sich auf immer weitere Schichten ausbreitete, dann mußte, so glaubte man, die Menschheit zu immer größerer Vollkommenheit aufsteigen. Die ganze Menschheitsgeschichte erschien als eine einzige Aufwärtsbewegung. Alle früheren Zeiten wurden daraufhin geprüft, in welchem Maße die Ideale der Aufklärung in ihnen verwirklicht waren. Jede Zeit, die davon abwich, fand keine Gnade vor den Augen der Aufklärer. Vor allem im Mittelalter sahen sie nur Finsternis und Sklaverei; ihre eigene Zeit, die es „so herrlich weit gebracht“ hatte, erschien ihnen als der Gipfelpunkt der ganzen bisherigen Geschichte.

Unser Geschichtsbild sieht wesentlich anders aus. Wir kennen keine allgemeine Menschheitsgeschichte, sondern nur Geschichte von Rassen und Völkern, die sich langsam und stetig wachsend entfalten. Wir stehen diesen Kräften in Ehrfurcht gegenüber, auch wenn sie zeitweilig zu Formen geführt haben, zu denen wir nicht mehr unbedingt ja sagen können. Für uns sind Höhepunkte der Geschichte die Zeiten, in denen das Volk seine gottgewollte Wesensart am reinsten, unverfälschtesten und stärksten lebt. Wir wissen, daß gerade in zurückliegenden Zeiten dies oft mehr der Fall war als in späteren, wo Fremdeinflüsse das Volk seiner [S. 242] eigenen Art untreu machten (altgriechische, altrömische Geschichte). Wir wissen, daß im Mittelalter, so stark damals auch die Kräfte der Überfremdung wirkten, deutsche Art unvergängliche Taten vollbracht hat.

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