Quelle

Bibliographische Daten

Altmann, Hans: Wie es zum Weltkrieg kam, Ein Überblick über seine Vorgeschichte und Ursachen zur Einführung in das geschichtliche Verständnis der Gegenwart für Oberklassen höherer Lehranstalten und zur Belehrung für jedermann. Leipzig: B. G. Teubner Verlag, 1915, 21.

Europa und die Kolonien – Deutschland und die Türkei


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2. Die Türkei

Die Zukunft der deutschen Volkswirtschaft ist mit dem Schicksal Konstantinopels aufs engste verknüpft.

Leopold von Ranke.

a) Das Osmanische Reich bis zur Gegenwart. Als letzter Kämpfer trat die Türkei zu uns. Das Osmanische Reich, im 13. Jahrhundert in Kleinasien begründet und danach mit starker Stoßkraft nicht nur in Asien und Nordafrika, sondern auch in Südosteuropa vordringend, eroberte 1453 Konstantinopel und erreichte unter Soliman ll. 1526-66, dem Zeitgenossen Luthers und Karls V. (1519-56), durch > Erwerbung halb Ungarns und vordringen bis Wien seinen Höhepunkt. Österreich-Ungarn, Rußland und der Einfluß anderer europäischer Staaten lösten die türkische Herrschaft in Südeuropa auf. Im 19. Jahrhundert wurden die Balkanstaaten von türkischer Herrschaft befreit, und im letzten Balkankriege verlor die Türkei den Rest ihres europäischen Besitzes bis auf Konstantinopel-Adrianopel. Sie wäre völlig aus Europa verdrängt worden, aber der durch Rußland gegen die Türkei zusammengebrachte Balkanbund geriet über über Beuteverteilung selbst in Kampf gegeneinander (1912).

b) Das Osmanische Reich und unsere Feinde. Diese scheinbare Schwächung machte in Wirklichkeit die bisher zersplitterten Kräfte der Türkei für andere Aufgaben frei; als Oberherrin der feindlichen Balkanbevölkerung könnte sie jetzt nicht tatkräftig Rußland und England bekämpfen. Die gänzliche Auflösung der Türke i (vgl. das Schicksal Polens!) war bereits 1908 von unseren Feinden verabredet und wurde nur durch Ausbruch der türkischen Revolution verhindert. (England sollte die Verbindungsglieder zwischen seinen besten Kolonien Ägypten und Indien erhalten: Arabien, Mesopotamien, Palästina. Frankreich sollte in Syrien, Rußland in Armenien und Kleinasien zufriedengestellt werden.

c) Das Osmanische Reich und Deutschland. Im Gegensatz zu diesen auf Auflösung der Türkei bedachten Völkern ist deren Erhaltung deutsche Notwendigkeit. Nicht kriegerische Eroberung, sondern Erhaltung und friedliche wirtschaftliche Durchdringung und Entwickelung der türkischen Länder ist das uns mit der Türkei eng verbindende, weil beide Staaten fördernde Ziel. Das natürliche, zusammenhängend Betätigungsfeld deutscher Weltwirtschaft reicht von der Nordsee bis zum Persischen Golf und umfaßt in nordwestlich-südöstlicher Richtung verlaufend Deutschland, Österreich-Ungarn , darauf als Brücke einen Balkanstaat (Rumänien oder Bulgarien), das Türkische Reich : Kleinasien, Mesopotamien (Euphrat- und Tigrisland). Die deutsche Bagdadbahn diente schon vor dem Kriege diesem Plan. Sie erregte den besonderen Haß Englands, weil sich Deutschland damit in den Län-

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dern zwischen Ägypten und Indien festsetzte, die England für sich in Anspruch nahm.

d) Die Bedeutung der Türkei im Kriege beruht darin, daß sie Rußland im Schwarzen Meere abschneidet und im Kaukasus angreift, besonders aber das britische Weltreich in Ägypten , seinem „Genick", zu treffen sucht. Auch in Mesopotamien ringen England und die Türkei miteinander. Die Beherrschung des Suezkanals durch die Türkei würde den Zusammenhang Englands mit Ostafrika und Indien unterbrechen. Ein England, das Ägypten behält, bleibt dagegen überlegene Weltmacht.

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