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Lorenz, Karl: Der moderne Geschichtsunterricht, Eine historisch-pädagogische Studie für Geschichts-Lehrer sowie Gebildete aller Stände. München: Oldenbourg Verlag, 1900, 172–175.

Arten des Patriotismus


[S. 146]

D. Die brennenden Fragen der Gegenwart im Unterrichte

[...]

[S. 171]

III. Nationale Fragen

[...]

[S. 172]

Leider aber müssen wir die betrübende Erfahrung machen, dass weite Kreise der Nation sich über das eigentliche Wesen des Patriotismus durchaus nicht so klar sind, als es im Interesse des Vaterlandes wünschenswert, ja notwendig wäre.

Ganz abgesehen von den Sozialdemokraten, die in dem »Racker Staat« ihren »persönlichen« Feind sehen, den zu bekämpfen »ihre heiligste Pflicht« ist, gibt es auch unter denen, die sich für gute Patrioten halten oder ausgeben, Erscheinungen, von denen wir sagen müssen, sie gefallen uns nicht. Zu den unangenehmsten gehören vor allem die Geschäftspatrioten . Es sind das Leute, die in Patriotismus »machen«, wie andere in russischem Erdöl oder in australischem Weizen, die an das heilige Feuer nationaler Begeisterung ihren blechernen Suppennapf stellen, um ihre »breiten Bettelsuppen« mit möglichst vielen Fettaugen vom Marke anderer zu versehen, und die wütend um sich schlagen, wenn endlich einmal ein kräftiger Fußtritt ihren Suppennapf beiseite schleudert. Harmloser sind die Champagnerpatrioten . Es sind das liebe Leutchen, die von Zeit zu Zeit das Bedürfnis haben, eine schwungvolle Rede oder ein feuriges Gedicht vom Stapel zu lassen, die deshalb jeden möglichen und unmöglichen Gedenktag ausgraben, um wieder einmal von sich reden zu machen, die bei dem ernstesten Todestag nur daran erinnern wollen, dass sie noch am Leben sind, und die dann in heiliger Morgenfrühe den heimischen Penaten zuwandern mit dem erhebenden Bewusstsein, dass jetzt das Vaterland ebenso ruhig schlafen könne wie sie — bis zum nächsten Festtage. Man verstehe uns nicht falsch!

Patriotische Festtage müssen sein. Wenn unsere reiferen Männer, die fürs Vaterland gerungen und gelitten, gekämpft und geblutet haben, an solchen Tagen, die gleich Marksteinen dastehen im Leben der Völker, sich wieder einmal die Hand drücken, das Glas gegeneinander erheben und sich tief in die treuen Augen schauen, so sind das heilige, ernste Stunden. Und wenn wir jüngeren [S. 173] Männer uns hinzugesellen, um uns ein Beispiel an ihnen zu nehmen, und ihnen in die Hand geloben: »Deutsche seid Ihr gewesen, Deutsche werden wir sein, wenn uns das Vaterland ruft«, so sind das weihevolle Stunden, die uns hinausheben aus dem Staub des Alltagslebens und aus dem erdrückenden Gleichmass der Tage in eine reinere Höhe, wo alles, was uns sonst entzweit, hinter uns versinkt im wesenlosen Scheine. Und wenn wir unsere Kinder hinführen zu Festesglanz und Glockenklang und ihnen sagen: »Seht, das haben Eure Väter gelitten und geleistet; werdet, was sie gewesen!« so sind auch das hehre Stunden verheißungsvoller Saat für die Zukunft. Aber wenn wir sehen, wie gewisse Leute »nicht rasten und nicht ruh’n«, bis sie und immer wieder sie an der Spitze solcher Veranstaltungen stehen, um dann mit ihrem hohlen Schwulst und mit ihren gedrechselten Phrasen den weihevollen Ernst der Stunde zu verderben — denn wahres Gefühl verfügt nicht über gekünstelten Wortschwall —, so müssen wir uns peinlich berührt abwenden.

Wir würden diese unerfreulichen Erscheinungen in einer pädagogisch-historischen Abhandlung gar nicht berührt haben, wenn sie nicht den inneren und äusseren Feinden des Vaterlandes willkommenen Anlass böten, den deutschen Patriotismus nach diesen Erscheinungen zu beurteilen und zu bespötteln, und wenn man nicht eine sehr wichtige Folgerung für den Geschichtsunterricht daraus ziehen müsste.

Dem gegenüber muss immer und immer wieder betont werden, dass der wahre Patriotismus einzig und allein nur im Opfermute besteht, in der freudigen Hingabe alles dessen, was man hat und kann, was man lieb und wert hält, ans Vaterland.

Gut und Blut, Herz und Hand, Fürs Vaterland!

das ist der wahre Patriotismus.

Nun sind wir aber, was Vaterlandsliebe anbelangt, scheinbar in einer ganz eigenartigen Lage. Wir haben nämlich ein engeres und ein weiteres Vaterland. Welches ist das eigentliche Vaterland, welches steht unserem Herzen näher? Vertragen sich deutscher und bayerischer Patriotismus?

Da müssen wir denn vor allen Dingen darauf hinweisen, dass das Wort »vertragen« überhaupt nicht am Platze ist; denn ein und [S. 174]dasselbe Ding braucht sich doch nicht mit sich selbst zu vertragen. Nun sind aber deutscher und bayerischer Patriotismus geradezu identisch. Es kann einer kein guter Deutscher sein, ohne zugleich ein guter Bayer, und kein guter Bayer, ohne zugleich ein guter Deutscher zu sein. »Schmückt die Rose sich, schmückt sie auch den Garten«. Gerade dadurch, dass man ein guter Bayer ist, ist man auch ein guter Deutscher. Und das gilt ebenso für alle anderen deutschen Stämme. Bilden sie doch alle ein naturgemäßes Ganze, wie alle Glieder zusammen den Körper. Nun kann nicht jedes Glied Kopf, oder jedes Glied Herz, oder jedes Glied Magen sein. Alle zusammen können sie nicht das Gleiche sein, aber es kann auch keines von ihnen ohne die anderen ein Sonderdasein führen. Blüht, wächst und gedeiht das Ganze, so blühen, wachsen und gedeihen auch die Teile; krankt ein Teil, so müssen wohl oder übel auch die anderen in Mitleidenschaft gezogen werden. Also wozu Gegensätze künstlich herstellen, wo naturgemäß keine vorhanden sind und auch keine vorhanden sein können?

Und doch gibt es Strömungen in unserem Volke, die sich mit dieser selbstverständlichen Thatsache nicht abfinden zu können scheinen, nämlich den falschen Partikularismus und den Ultranationalismus . Beide sind gefährliche Extreme, und zwar der eine nach links, der andere nach rechts. Weniger gefährlich, weil bekannter und offenkundiger, ist der falsche Partikularismus . Es gibt nämlich einen doppelten Partikularismus, einen berechtigten und einen unberechtigten und deshalb falschen. Der erstere besteht in dem selbstverständlichen Bestreben, dass der Kopf Kopf, das Herz Herz und der Magen Magen bleiben darf und kann, und nicht alle ein und dasselbe werden. Dass dieses Bestreben berechtigt, ja naturnotwendig ist, dürfte so selbstverständlich sein, dass es weiterer Worte nicht bedarf. Der unberechtigte Partikularismus besteht in dem Bestreben der Glieder, ein Sonderdasein zu führen ohne Zusammenhang mit der Gesamtheit und Sonderinteressen zu verfolgen ohne Rücksicht auf die Gesamtheit. Je mächtiger ein Bundesglied ist, desto gefährlicher ist dieser Partikularismus, weil er einflussreicher ist, so dass nach dem Ausspruch eines hierfür gewiss kompetenten Zeugen, nämlich BISMARCKS, der gefährlichste Partikularismus der des führenden Staates ist.

Dass es in den einzelnen Bundesstaaten Elemente gibt, die der jetzigen Gestaltung der Dinge in Deutschland »kühl bis ans Herz hinan« gegenüberstehen, ja eine eventuelle Rückgängigmachung

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nicht gerade untröstlich beklagen würden, kann und soll nicht geleugnet werden. Aber diese Elemente sind erfreulicherweise nicht ausschlaggebend, sie wurzeln weder in der Gesamtheit der deutschen Fürsten noch in der grossen Masse der deutschen Stämme; beide sind — Gott sei Dank — kerndeutsch bis ins Mark. Viel gefährlicher ist das andere Extrem, der Ultranationalismus, weil er seine Maulwurfsarbeit mehr im verborgenen betreiben und sich dabei mit dem Mäntelchen echtester Vaterlandsliebe drapieren kann. Man versteht darunter das leise und vorsichtige, aber konsequente Bestreben gewisser Kreise, die deutschen Stämme allmählich ihrer Eigenart zu entkleiden und ihre ganze Gedanken- und Gefühlswelt so zu durchsetzen und zu beherrschen, dass ganz von selbst und ohne Kampf, gewissermaßen von innen heraus als reife Frucht, sich der Zustand entwickle, bei dem es nur eine civitas, im übrigen aber nur noch provinciae gebe. Wir wollen dabei gern zweierlei zugeben: Erstens, dass die führende Spitze im Reiche diesen Bestrebungen amtlich und aufseramtlich vollständig und grundsätzlich fernsteht. Aber es fragt sich sehr, ob sie dem allgemeinen Verlangen, wenn es eines Tages mit der elementaren Gewalt der Volksstimme an sie heranträte, auf die Dauer Widerstand zu leisten vermöchte. Zweitens wollen wir ebenfalls gern zugestehen, dass die betreffenden ultranationalen Kreise von der Überzeugung geleitet werden, dass das, was sie erstreben, ein Glück für Deutschland sei. Aber wir sind der festen Überzeugung, dass es eben kein Glück, sondern geradezu ein Unglück für Alldeutschland wäre, wenn die Stammeseigenart verschwände.

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