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Rotermund, Wilhelm: Dr. Wilh. Rotermunds Lesebuch für Schule und Haus, Amtliches Lesebuch des Deutschen Evang. Lehrervereins von Rio Grande do Sul. W. Rotermunds Buchhandlung, 1914, 120–121.

"Auf der Kolonie"


[S. 120]

[...]

136. Auf der Kolonie

Noch kein Jahrhundert ist vergangen, seit einzelne deutsche Ansiedler in das damals noch fast unbekannte Land kamen. Tausende ihrer Landsleute sind ihnen seitdem gefolgt, mit Axt und Hacke bewaffnet und mit dem festen Willen, Herr über die reiche, aber unbändige Natur zu werden und sich eine neue Heimat zu begründen.

Nun rollt der Fluß seine Wasser nicht mehr durch den Urwald, die niederen Ufer überschreitend und Sümpfe und Morast erzeugend. Sein Bett ist vertieft und gerade gelegt, und an beiden Seiten bahnen sich die langen Strecken weite, grünen Flächen; freundliche Häuser spiegeln sich in seinen Fluten, Pferde und Kühe löschen ihren Durst an seinem Ufer, Ruderböte und Segelschiffe gleiten auf seinen Wellen hin und her, große Flöße fahren die Last kostbarer Hölzer dem Seehafen zu, und es ertönt sogar die Pfeife eines Flußdampfers weithin über die Ansiedlungen der Menschen, die der Waldwüste abgerungen sind.

Hier, wo noch vor einem Menschenalter die Affen brüllten und im undurchdringlichen Dickicht sich Schlangen ringelten, bestrahlt nun zum ersten Male seit Jahrhunderten die Sonne den jungfräulichen Boden; hier wachsen nun die Früchte der Kultur: Mais und Aipim a , Reis und Gerste, Kaffee und Zuckerrohr; hier gedeihen deutsche Kinder, flachsköpfig und blauäugig, wie die Blumen des Feldes; und die Leute gehen an die Arbeit und kehren von derselben zurück, wenn wie im alten Vaterlande die „Betglocke“ von den Kirchen über das weite Tal erklingt.

Auch die Seitentäler sind schon meilenweit aufgeschlossen; auch in ihnen zieht sich auf beiden Seiten der wasserreichen Nebenflüsse und Bäche, die aus dem Dunkel des Urwaldes hervortreten, eine Ansiedlung neben der anderen hin, meist durch Zitronen- oder Ananashecken oder auch durch Kaktus oder Dornstrauch voneinander getrennt; alle paar hundert Schritte ein kleines rotbedachtes Haus in der Nähe der Landstraße; überall blondhaarige Kinder, die mit besonderer Vorliebe an den Ufern der kleinen Bäche und Rinnsale spielen, welche in überreicher Zahl von den oben noch bewaldeten an ihren Anhängen bebauten Hügeln herabspringen und ihre silberklaren Gewässer sprudelnd von Stein zu Stein, von Granitblock zu Granitblock wälzen wie übermütige Kinder.

[S. 121]

Ein märchenhafter Zauber weht über der tiefen Stille am Rande des Waldes. Der Sabiá, die Nachtigall Brasiliens, singt sein klagendes Lied; blaue Falter fliegen taumelnd über das Wasser; glitzernde Kolibris surren von einer Blüte Bromelien und Orchideen, oben auf den Ästen der Bäume, zu anderen; goldene Eidechsen fahren raschelnd über die blanken Steine am Bache; Tapire strecken ihre dicken Füße in das helle Wasser; Tigerkatzen huschen ängstlich von Baum zu Baum; lustig wiegen sich Affen in den Zweigen und farbenprächtige Vögel in den Lianen.

Die Luft ist wunderbar rein und klar und wenn die Sonne sie mir ihren Gluten zu heiß machen möchte, sorgt der Wald, durch dessen Laubgewirr sich selten ein Strahl hindurch zu winden vermag, für liebliche Kühlung.

Therese Stutzer.

[a] Maniok, südamerikanische Nutzpflanze; die ÜbersetzerInnen.

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